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Barry Lee über Doppelmesser

Mein Sifu Wong Shun Leung erzählte mir oft, daß die Messerform nur noch selten in ihrer ursprünglichen Form unterrichtet wird, ja, daß die Sätze in all den Jahren auch schon versehentlich vertauscht wurden. Viele große Ving Tsun Persönlichkeiten geben zu, froh zu sein wenn sie nicht in einen Konflikt kommen bei dem sie die Messertechniken wirklich brauchen. Sie widmen ihre Zeit lieber dem waffenlosen Ving Tsun Training, und speziell der Perfektionierung ihrer Handtechniken.

Bei den Messertechniken ist es mehr als bei allen anderen Formen wichtig, daß man jede einzelne Bewegung erkennt und versteht, und nicht den Bewegungsablauf einer ganzen Sequenz. Ich habe in den Anfangsjahren meiner Ausbildung (1974) immer wieder gehört: "Bevor jemand die Messertechniken erlernen kann, müssen seine Handtechniken nahezu perfekt sein". Und Tatsache ist, daß Wong Shun Leung nur sehr sehr wenigen Leuten die Bart Chum Dao, die Messerform und deren Anwendungen, beigebracht hat. Von Yip Man ist sogar bekannt daß er sie weniger als einer Handvoll Personen zeigte.
Die Messerform ist aufgebaut auf den waffenlosen Techniken, jedoch mit ein paar sehr wichtigen theoretischen und praktischen Unterschieden. Die Gründe sind wie alles im Ving Tsun praxis bezogen und logisch. Bei einer waffenlosen Auseinandersetzung wird man in aller Regel getroffen und kann dabei auch mehr oder weniger schwer verletzt werden. Die Chance sich von solchen Blessuren zu erholen ist groß und irgendwann wird die Gesundheit wieder hergestellt sein.
Bei einem Kampf mit zwei Messern, gibt es keinen Raum für Fehler. Selbst unscheinbare Wunden können zu lebensbedrohlichem Blutverlust oder Infektionen führen, sollten sie nicht rechtzeitig behandelt werden. Die schlimmste Vorstellung ist, daß man durch einen Stich in Magen, Herz oder Hals getötet werden kann. Das mag sich alles grausig anhören, aber ist es nicht tatsächlich so. Ist es nicht eine Tatsache, daß jemand der bereit ist ein Messer zum Kampf zu benutzen, eine sehr viel höhere Aggressivität und eine sehr viel geringere Hemmschwelle zum Töten besitzt? Ergibt sich aus dieser Erkenntnis nicht die logische Schlußfolgerung: Wenn ich meine Techniken nicht nahezu perfekt beherrsche und mich nicht blind auf meine Ving Tsun-Fähigkeiten verlassen kann, laufe ich Gefahr Leib und Leben zu verlieren"?
Das Training mit den Messern erfordert eine realistische Betrachtungsweise. Selbstverständlich kann man beim Training die Messertechniken nicht genau so einsetzen wie es ihr Sinn ist. Dennoch muß man sich vorstellen können, daß dem so ist. Ein wesentlicher Bestandteil im Ving Tsun ist, Kämpfen damit man gewinnt. Die Messerform macht dabei keine Ausnahme.
Wer kein gutes Körper- und Gleichgewichtsgefühl besitzt, wer nicht in der Lage ist seine Hüfte richtig einzusetzen und nicht über annähernd perfekte Handtechniken verfügt, der wird durch das Training mit den Doppelmessern sicherlich seine bisherigen Techniken wieder verschlechtern. In den vielen Jahren in denen ich nun Ving Tsun betreibe konnte ich immer wieder folgendes beobachten. Diejenigen welche zu früh mit dem Messertraining angefangen haben und nicht über die oben aufgeführten Eigenschaften verfügen, ermüden durch das Gewicht der beiden Messer sehr schnell. Schon nach kürzester Zeit sinken die Arme immer tiefer, das Gleichgewichtsgefühl und auch die Konzentration lassen nach. Die Folge sind unsaubere Techniken und Fehler im Bewegungsablauf, die man sehr schlecht wieder wegbekommt.
Wie auch immer. Diejenigen die wirklich ein korrektes, intensives und praxisbezogenes Training unter qualifizierter Anleitung durchschritten haben, erkennen alle den Sinn und Zweck von korrekt ausgeführten Bewegungen. Diese Leute lernen, wenn es soweit ist, die Messerform mit sehr viel weniger Aufwand und stellen fest, daß es ihnen hilft, wenn sie ihr gesamtes Ving Tsun versuchen zu perfektionieren. Dann wird auch allen klar, warum sich die Messerform von den übrigen unterscheidet und welch weiteren Trainingsvorteile man durch diese Form noch erhalten kann.

Als verantwortungsvoller Sifu erachte ich es als meine Pflicht, meine Schüler dazu anzuhalten ihre eigenen Fähigkeiten zu überdenken und zu überprüfen. Jeder sollte sich die Fragen stellen: Wie gut sind meine Handtechniken wirklich? Kann ich meinen Körper als eine Einheit richtig benutzen? Kann ich fühlen was passiert oder muß ich immer wieder nachdenken was ich als nächstes tun werde? Kann ich meine Hüfte richtig einsetzen?
Gibt es irgendwelche Zweifel sollte man die Messerform vergessen, und versuchen durch ein intensives Training die Schwachstellen so zu verbessern, daß man das Ving Tsun so benutzen kann wie es sein sollte. Zum Kämpfen um zu gewinnen!

Die Messerform ist wahrlich nichts geheimnisvolles und jeder kann sie erlernen. Meine Aufgabe als Lehrer ist es aber auch, dafür Sorge zu tragen daß meine Schüler durch falsches Training oder Übereifer keiner unnötigen Gefahr ausgesetzt werden. Schließlich baut sich auch kein Architekt ein Haus auf schlechtem Untergrund.

Barry Lee

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